Die Zurückgebliebenen – Geschichten aus dem Cafe Steiner
Ich hatte euch von Manuel schon in der Geschichte „Das Vorstellungsgespräch“ erzählt – mittlerweile arbeitet der junge Mann in der Verwaltung eines naheliegenden Hotelbetriebes und ist auch durchaus öfters am Abend im „Cafe Steiner“ anzutreffen. Als ich mich vorige Woche nach einem längeren Arbeitstag auch selbst wieder im „Steiner“ einfand um den Abend gemütlich ausklingen zu lassen waren die Stammgäste – die, wie manche es schon meinten fast zum Inventar gehören würden – sehr zahlreich vertreten.
Helmuth wollte kurz seinem Ärger Luft machen, daß er untertags von einer U-Bahn Störung betroffen gewesen wäre und deshalb einen Arzttermin erst leicht verspätet wahrnehmen konnte. Im ersten Moment etwas irritierend war dazu die Aussage von Manuel, der einfach nur meinte: „Das ist ja gar nichts, Helmuth, mich haben die Wiener Linien zuletzt über die Lautsprecher ganz übel beleidigt.“ „Wie meinst denn das?“ fragte Kellner Martin verwundert nach.
„Nun, ihr habt doch bestimmt auch schon die neuen Durchsagen bei den Wiener U-Bahnen gehört – wo die bisherige Durchsage ‚Zug fährt ab‘ durch ‚Zurückbleiben bitte‘ ersetzt wurde.“ Letztlich wollte Manuel darauf hinaus, daß die neue Durchsage so ausgelegt werden könnte, daß die Fahrgäste die den Zug nicht mehr erreichen „Zurückgebliebene“ wären. Diesen Begriff könnte man nun mit der im deutschen Sprachgebrauch manchmal verwendeten Bedeutung eines geistig zurückgebliebenen Menschen assoziieren. Dieser Vergleich war von Manuel natürlich nicht ganz ernst gemeint, vielmehr sorgte er für eine gewisse Erheiterung. Wobei ich auch durchaus zugeben möchte daß ich diese neue Formulierung in den U-Bahnen als nicht sonderlich gelungen einschätzen möchte.
Eine Internet-Recherche zu diesem Thema sollte mir zeigen, daß sich die Wiener Linien durchaus intensiv mit der Wahl des über ein Tonband wiedergegebenen Spruches beschäftigt hätten und letztlich der Spruch „Zurückbleiben bitte“ auch gewonnen hätte, da dieser angeblich in Deutschland teilweise üblich wäre. Die Sinnfrage, ob sich nun ein Fahrgast eher davon abhalten lassen wird einen bereits abgefertigten Zug noch zu erreichen will ich besser gar nicht stellen. Auch auf Facebook soll sich bereits eine Gruppe formiert haben, die ihrem Kampfeswillen für den Erhalt des bisherigen offenbar liebgewonnenen Spruch „Zug fährt ab“ signalisieren möchte. Vereinzelt wird auch mit einem Schmunzeln vermutet, daß die ebenso zur Diskussion gestandene Durchsage „Zurücktreten bitte!“ nur deshalb nicht zum Einsatz gekommen wäre, da sie von manchen Kommunalpolitikern möglicherweise falsch verstanden worden wäre.
Obwohl wir im „Cafe Steiner“ bestimmt schon weltbewegendere Dinge thematisiert haben sorgte das Thema durchaus für eine interessante Diskussionsbeteiligung unter den anwesenden Gästen. So wurde etwa noch von dem vor Jahren suspendierten Buslenker erzählt, der einer betagten Dame, die sich lautstark beschwerte, dass der Lenker bei einer Station nicht gehalten hatte über die Lautsprecher ausrichtete. „Gnä‘ Frau, das ist hier wie beim Schei…, wenn Sie net drucken, dann wird des nix.“
Pedro
Letzte Artikel dieser Rubrik:
